Monthly Archive for Mai, 2009

wer sind wir eigentlich? – update

das übliche Headerbild

Manchmal reicht es aus laut genug zu schreien, um etwas zu verändern. Und mit schreien meine ich bloggen. Und mit laut genug meine ich ausreichend viele Blogger. Selbstverständlich. Wie Alexander selbst berichtet konnte er sich im direkten Kontakt mit KemperTrautmann über die weitere Existenz der Du bist Terrorist-Website einigen: Die Site und das Video dürfen bleiben. Der Hintergrund, der dem Original der Du bist Deutschland-Website entsprach, muss geändert werden. Alles sei nur ein Missverständnis gewesen.

Eine Einigung ganz ohne Richter, Anwälte und Notare, die über ein Telefonat hergestellt wurde. Kommunikation ist ein unglaublich mächtiges Werkzeug. Man muss nur wissen, wie man damit umgeht. Ob es nun wirklich nur ein Missverständnis war und wodurch diese schnelle Einigung an einem Samstag eingeleitet wurde, kann ich nur spekulieren. Die Zeit macht einen Sturm dafür verantwortlich, Alexander ist beeindruckt von der Gemeinschaft und dem Zusammenhalt im “Web 2.0″.

Manchmal reicht es eben aus laut genug zu schreien.

wer sind wir eigentlich?

nur'n Header für 'nen Beitrag

Das druckkopfkino ist ein Ort des Zukunftspositimismus. Heute allerdings, am Geburtstag des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung bringen ausgerechnet meine geschätzten Kreativkollegen mich zum Zweifeln. Damit meine ich irgendjemanden bei KemperTrautmann, diejenige Agentur, die sich selbst verantwortlich versteht für die Kreation der Du bist Deutschland-Kampagne. Irgendjemand in der Agentur, sah das Recht der Agentur am Besitz der Marke durch die Website DubistTerrorist.de verletzt. Zumindest ist das nach Angaben von netzpolitik die offizielle Begründung der Abmahnung gegen den Betrieber und Ersteller der Website und des Video, Alexander Lehmann.

Das Urteil über die Qualität der Originalkampagne und der Persiflage überlasse ich jedem meiner geneigten Leser selbst. Soll jeder individuell entscheiden ob er sich in diesem Land behandelt fühlt wie Deutschland höchstpersönlich oder wie ein Terrorist. Auch die gestalterische Aufbereitung überlasse ich der Kritik jedes einzelnen Rezipienten.

Denn genau das, der Austausch positiver und negativer Kritik, ist eine Tugend, die jeder gestalterische Prozess enthält und die jede Gestaltung verbessert. Dieses Feedback sieht nicht immer aus wie ein Medaille, sondern kann viele Formen annehmen. Wann haben Gestalter verlernt, Kritik zu akzeptieren, auszuwerten und daran ihre Arbeit zu verbessern?

Gestalter habe ich als eine Insel im Kampf um Urheberrechtsgesetzgebung gesehen. Gestalter habe ich als Menschen gesehen, die das Aufgreifen eines bereits existierenden Konzepts als Weiterentwicklung einer Idee verstanden haben. Professionelle Gestalter, so dachte ich, haben verstanden, das Kreativität ein Prozess ist, in dem immer wieder bereits existierende Kreativität auftaucht. Irgendjemand bei bei KemperTrautmann hat mich schwer enttäuscht

und den Bekanntheitsgrad eines Kaiserslautener Filmmachers in die Höhe getrieben. Herzlichen Glückwunsch.

dies ist nur ein Text über Zensur

Kennen wir alle folgendes Minispiel, mit dem Eltern gerne ihre Kleinkindern zum Lachen bringen? Die Mutter verwirrt das Kind, indem sie ihm/ihr die Augen zuhält und ihn/sie fragt, wo “die Mutter” sei. Nach zwei bis dreimal Nachfragen nimmt die Mutter die Hände weg und quickt in einer höchstmöglichen Stimme: “Da is die Mutter.” Resultat: 100% Kinderlachen.

Wir wissen alle, dass das funktioniert, weil das Kleinkind versucht sich auf seine/ihre optische Wahrnehmung zu verlassen und mit dieser die Mutter sucht. Da ihm/ihr aber die Augen zugehalten werden, scheint es, als sei die Mutter verschwunden – zusammen mit dem Rest der Welt. Was für eine Freunde, wenn die Augen aufgemacht werden und die Mutter doch noch da ist! (Und die restliche Welt.) Kann mir ein Psychologe oder Neurologe oder werauchimmer detaillierte Auskunft darüber geben, welche Prozesse ihm Kopf des Kleinkindes von Statten gehen? Ich würde mich sehr darüber freuen.

Solange wir es nicht wissen, können wir uns trotzdem darauf einigen, dass der erzielte Effekt mit zunehmenden Alter abnimmt. Wir sind uns doch alle bewusst, dass die Welt noch da ist, auch wenn wir die Augen geschlossen haben und die Welt nicht sehen.

Sind wir doch, oder?

Oder?

Besuch

Würzburg am vergangenen Dienstag

Angela war da. Es hatte etwas archaisches wie die Führer des Landes oben auf der Bühne standen und unten das Volk abwechselnd und wahlweise Ge- und Missfallen darüber äußerten, was die politische Spitze zum besten gab. Nach meinem Eindruck hielten sich die beiden oppositionellen Parteien im Publikum die Waage. Als archaisch empfand ich das Level, auf dem die beiden Kommunikationspartner aneinander vorbei geredet haben. Frau Merkel oben hat beinahe konsequent ignoriert, dass ganz offensichtlich jede Menge Menschen vor ihr standen, die nicht mit der Politik ihrer Regierung übereinstimmen. Und das Publikum stand wie die Schafe vor der Merkel und hat laut geblökt, wenn ein Satz besonders gut ge- oder missfallen hat. Ich habe mich daran gewöhnt unter die Meinung, die jemand äußert, nach einem Mausklick meine eigene in gut gewählten Wörtern entgegen zu setzen. Frau Merkel hat sich auch so über den Dialog mit ihrem Publikum gefreut.

Ich dachte, es wäre inzwischen klar, das politischer Diskurs im Internet total super funktioniert. (An dieser Stelle sei nochmal auf die Debatierplattform Wahlkampfarena aufmerksam gemacht.) Wir sind es wahrscheinlich zu sehr gewohnt, Politik als Reden, Demonstrationen und Fernsehübertragungen zu erleben. Das der einzelne Bürger in die Diskussion eingreifen kann ist für Politiker wahrscheinlich ebenso ungewöhnlich, wie für den einzelnen Bürger selbst. Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, eine Plattform zu haben in der jede Stimme in der Lautstärke gleich groß ist, wirken elektronisch verstärkte Parolen der Bundeskanzlerin, nun, archaisch eben.

//Originalbild von .: sandman unter cc-by-nc-sa/2.0Lizenz. //

Digital Frontier Society

'n Beitragskopf
In den letzten zwei Wochen habe ich wiederholt von der Theorie der Trennung der Gesellschaft in Digital Natives und Digital Immigrants gelesen. Grund könnte sein, dass die erste Generation der digital Natives zur Zeit ihre Ausbildung beendet und in die Führungsetagen einzieht. Wahrscheinlich ist es  jedoch Zufall.

Meiner Meinung nach wird bei der Aufteilung in diejenigen, die bei ihrer Geburt bereits eine fertig eingerichtete elektronische Kommunikationswelt vorgefunden haben (Digital Natives) und diejenigen, die von der Welle der Digitalisierung im Erwachsenenalter überrascht wurden (Digital Immigrants), eine dritte Gruppe vergessen. Ich spreche von denjenigen, die gleichzeitig mit der elektronischen Welt aufgewachsen sind. Es sind die Wellenreiter der digitalen Entwicklung oder, um im Bild der elektronischen Grenze zu bleiben, die Digital Frontier Society.

Ich komme zu dieser Forderung, weil ich mich selbst in der Aufteilung nicht wiederfinde. Als Jahrgang 1980 gab es zu meiner Geburt noch keine Heimcompter. Nun, es gab sie theoretisch. Einen Grund so ein Gerät in sein Heim zu holen gab es nicht. Die Killerapplikation Tabellenkalkulation war für eine 80er-Jahre Kleinfamilie einfach noch kein Grund. Dieser fand sich für mich auch erst in der Begegnung mit Computerspielen und durch das Spielen mit dem Computer begann das Spielen am Computer. Damit meine ich ein exploratives Erkunden der Mechaniken des Betriebsystems durch wiederholtes trial-an-error. Natürlich hätten wir ein gutes Buch kaufen können und nachlesen, was… NEIN, hätten wir nicht. Die Bücher waren alle so schrecklich dick und langweilig keines davon beschäftigte sich damit, wie man Comanche 2 auf einem 386er zum laufen brachte. Das aber genau war unser Problem. Und da niemand es für uns lösen wollte, haben wir es halt selber gelöst. Aus unzähligen ge- und misglückten Versuchen bildete sich die Einstellung, jedes Problem mit einem Computer sei irgendwie zu lösen – auch wenn man es vorher noch nie gesehen hat.

Mitglieder der Digital Frontier Society tragen dieses Sympton in sich, an ein Problem mit einem Computer erstmal als irgendwie lösbar anzusehen – auch wenn sie weder das Betriebsystem, noch die Anwendung, noch die Fehlermeldung kennen. All das kannten sie früher auch nicht und sind trotzdem damit zurecht gekommen.

Digital Immigrants scheinen im Vergleich dazu von einem Problem mit der Technologie vor eine Mauer gestellt. Sie wissen schlicht nicht, wo sie nach einer Lösung für das Problem suchen sollen. Sie verstehen das digitale Zeitalter indem sie es mit Elementen der analogen Welt vergleichen, die sie kennen. Sie sind froh, wenn sie ihre Fähigkeiten in der Benutzung der Technologie der rasanten Entwicklung anpassen können.

Das ist ein Problem, das Digital Natives nie haben werden. Wie digital Immigrants schreiben gelernt haben, lernen sie den Umgang mit der elektronischen Technologie. Dabei sind sie daran gewöhnt funktionierenden Anwendungskontexten ausgesetzt zu sein, die aufeinander abgestimmt sind. Sie finden alles, was sie brauchen schlüsselferitg vor. Eine Nutzung ausserhalb dieses Rahmens, zum Beispiel durch das Blicken hinter die Kulissen der Anwendungsebene in die Struktur des Betriebsystems scheint ihnen fremd und möglicherweise in seiner Komplexität nicht erschließbar. Wenn ein Computerspiel nicht läuft, wird eben die große Schwester um Hilfe gebeten.

Die nämlich ist erfolgreiches Kind der Digital Frontier Society und wird schon eine Lösung finden. Und wenn sie fertig ist, jammert sie, dass das Problem unter DOS mit einem Eintrag in der config.sys viel schneller zu lösen gewesen wäre. Danach streitet sie gemeinsam mit ihren Freunden darüber, ob Monkey Island oder Day of the Tentacle das beste Computerspiel aller Zeiten war und trauert im Anschluss dem Untergang von Audiogalaxy nach.

Wenn Du keine Ahnung hast, was ich in den letzten zwei Sätzen beschrieben hab, zerbrich Dir nicht den Kopf darüber. Wenn Du es verstanden hast, heiße ich Dich herzlich Willkommen in der Digital Frontier Society.