
In den letzten zwei Wochen habe ich wiederholt von der Theorie der Trennung der Gesellschaft in Digital Natives und Digital Immigrants gelesen. Grund könnte sein, dass die erste Generation der digital Natives zur Zeit ihre Ausbildung beendet und in die Führungsetagen einzieht. Wahrscheinlich ist es jedoch Zufall.
Meiner Meinung nach wird bei der Aufteilung in diejenigen, die bei ihrer Geburt bereits eine fertig eingerichtete elektronische Kommunikationswelt vorgefunden haben (Digital Natives) und diejenigen, die von der Welle der Digitalisierung im Erwachsenenalter überrascht wurden (Digital Immigrants), eine dritte Gruppe vergessen. Ich spreche von denjenigen, die gleichzeitig mit der elektronischen Welt aufgewachsen sind. Es sind die Wellenreiter der digitalen Entwicklung oder, um im Bild der elektronischen Grenze zu bleiben, die Digital Frontier Society.
Ich komme zu dieser Forderung, weil ich mich selbst in der Aufteilung nicht wiederfinde. Als Jahrgang 1980 gab es zu meiner Geburt noch keine Heimcompter. Nun, es gab sie theoretisch. Einen Grund so ein Gerät in sein Heim zu holen gab es nicht. Die Killerapplikation Tabellenkalkulation war für eine 80er-Jahre Kleinfamilie einfach noch kein Grund. Dieser fand sich für mich auch erst in der Begegnung mit Computerspielen und durch das Spielen mit dem Computer begann das Spielen am Computer. Damit meine ich ein exploratives Erkunden der Mechaniken des Betriebsystems durch wiederholtes trial-an-error. Natürlich hätten wir ein gutes Buch kaufen können und nachlesen, was… NEIN, hätten wir nicht. Die Bücher waren alle so schrecklich dick und langweilig keines davon beschäftigte sich damit, wie man Comanche 2 auf einem 386er zum laufen brachte. Das aber genau war unser Problem. Und da niemand es für uns lösen wollte, haben wir es halt selber gelöst. Aus unzähligen ge- und misglückten Versuchen bildete sich die Einstellung, jedes Problem mit einem Computer sei irgendwie zu lösen – auch wenn man es vorher noch nie gesehen hat.
Mitglieder der Digital Frontier Society tragen dieses Sympton in sich, an ein Problem mit einem Computer erstmal als irgendwie lösbar anzusehen – auch wenn sie weder das Betriebsystem, noch die Anwendung, noch die Fehlermeldung kennen. All das kannten sie früher auch nicht und sind trotzdem damit zurecht gekommen.
Digital Immigrants scheinen im Vergleich dazu von einem Problem mit der Technologie vor eine Mauer gestellt. Sie wissen schlicht nicht, wo sie nach einer Lösung für das Problem suchen sollen. Sie verstehen das digitale Zeitalter indem sie es mit Elementen der analogen Welt vergleichen, die sie kennen. Sie sind froh, wenn sie ihre Fähigkeiten in der Benutzung der Technologie der rasanten Entwicklung anpassen können.
Das ist ein Problem, das Digital Natives nie haben werden. Wie digital Immigrants schreiben gelernt haben, lernen sie den Umgang mit der elektronischen Technologie. Dabei sind sie daran gewöhnt funktionierenden Anwendungskontexten ausgesetzt zu sein, die aufeinander abgestimmt sind. Sie finden alles, was sie brauchen schlüsselferitg vor. Eine Nutzung ausserhalb dieses Rahmens, zum Beispiel durch das Blicken hinter die Kulissen der Anwendungsebene in die Struktur des Betriebsystems scheint ihnen fremd und möglicherweise in seiner Komplexität nicht erschließbar. Wenn ein Computerspiel nicht läuft, wird eben die große Schwester um Hilfe gebeten.
Die nämlich ist erfolgreiches Kind der Digital Frontier Society und wird schon eine Lösung finden. Und wenn sie fertig ist, jammert sie, dass das Problem unter DOS mit einem Eintrag in der config.sys viel schneller zu lösen gewesen wäre. Danach streitet sie gemeinsam mit ihren Freunden darüber, ob Monkey Island oder Day of the Tentacle das beste Computerspiel aller Zeiten war und trauert im Anschluss dem Untergang von Audiogalaxy nach.
Wenn Du keine Ahnung hast, was ich in den letzten zwei Sätzen beschrieben hab, zerbrich Dir nicht den Kopf darüber. Wenn Du es verstanden hast, heiße ich Dich herzlich Willkommen in der Digital Frontier Society.