Eine schöne Seite am Studium: Der geneigte Designstudent kann seiner Liebe zu provozierenden Arbeiten oder politischen Aussagen freien Lauf lassen. Die Kehrseite an der Zeit nach dem Studium: Der geneigte Designstudent kann nicht wissen, welche Arbeit welche Agentur an- oder abtörnt. Kreativ sind wir ja alle und um die Ecke denken können wir auch alle und Spaß an Provokation haben wir… nun.. nicht alle.
Was macht der Designstudent dann mit Arbeiten, die gut gedacht sind aber zu direkt für das eigene Portfolio? Was macht er mit den Arbeiten, die er cool findet, für die er aber nicht die Zeit gefunden hat, ihnen das Finish zu verpassen, das sie verdient haben?
Kann ich auch nicht beantworten. Deswegen jetzt zu was völlig anderem: Beim Durchstöbern meiner Projektordner nach repräsentativen Textarbeiten bin ich auf dieses fast schon vergessene Projekt aus dem letzten Sommer gestoßen. Begonnen hat die Entwicklung als eine Antwort auf die Arroganz der Alt-68er, die an unserer Hochschule für das Symposium 1968 heute gastierten. Wir waren die ganze Zeit aktiv und produktiv. Da wir aber lieber unsere Kommilitonen motiviert haben ihre politsche Meinung zu äußern anstatt ein Magazin über die Typographie der 1960er Jahre zu machen, habe ich jetzt nichts aus diesem Semester in der Hand, dass ich Interessierten unter die Nase halten kann.
Es gäbe da diesen knapp zwei Quadratmeter großen Beweis, dass die sexuelle Revolution keinen Fortschritt in der Gesellschaft gebracht hat – das Risiko damit jemanden zu verstören anstatt zu begeistern ist allerdings äußerst hoch. Irgendwo am Rand sind noch De-Branding Arbeiten entstanden. Zu verstehen sind sie als ein Aufruf an alle Generationen sich Gedanken über die eigenen und die fremd bestimmten Idole zu machen. Bei denen bin ich mir unsicher an welchem Platz in der gut-schlecht-fertig-unfertig-Dimension sie stehen.
Manchmal reicht es aus laut genug zu schreien, um etwas zu verändern. Und mit schreien meine ich bloggen. Und mit laut genug meine ich ausreichend viele Blogger. Selbstverständlich. Wie Alexander selbst berichtet konnte er sich im direkten Kontakt mit KemperTrautmann über die weitere Existenz der Du bist Terrorist-Website einigen: Die Site und das Video dürfen bleiben. Der Hintergrund, der dem Original der Du bist Deutschland-Website entsprach, muss geändert werden. Alles sei nur ein Missverständnis gewesen.
Eine Einigung ganz ohne Richter, Anwälte und Notare, die über ein Telefonat hergestellt wurde. Kommunikation ist ein unglaublich mächtiges Werkzeug. Man muss nur wissen, wie man damit umgeht. Ob es nun wirklich nur ein Missverständnis war und wodurch diese schnelle Einigung an einem Samstag eingeleitet wurde, kann ich nur spekulieren. Die Zeit macht einen Sturm dafür verantwortlich, Alexander ist beeindruckt von der Gemeinschaft und dem Zusammenhalt im “Web 2.0″.
Manchmal reicht es eben aus laut genug zu schreien.
Das druckkopfkino ist ein Ort des Zukunftspositimismus. Heute allerdings, am Geburtstag des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung bringen ausgerechnet meine geschätzten Kreativkollegen mich zum Zweifeln. Damit meine ich irgendjemanden bei KemperTrautmann, diejenige Agentur, die sich selbst verantwortlich versteht für die Kreation der Du bist Deutschland-Kampagne. Irgendjemand in der Agentur, sah das Recht der Agentur am Besitz der Marke durch die Website DubistTerrorist.de verletzt. Zumindest ist das nach Angaben von netzpolitikdie offizielle Begründung der Abmahnung gegen den Betrieber und Ersteller der Website und des Video, Alexander Lehmann.
Das Urteil über die Qualität der Originalkampagne und der Persiflage überlasse ich jedem meiner geneigten Leser selbst. Soll jeder individuell entscheiden ob er sich in diesem Land behandelt fühlt wie Deutschland höchstpersönlich oder wie ein Terrorist. Auch die gestalterische Aufbereitung überlasse ich der Kritik jedes einzelnen Rezipienten.
Denn genau das, der Austausch positiver und negativer Kritik, ist eine Tugend, die jeder gestalterische Prozess enthält und die jede Gestaltung verbessert. Dieses Feedback sieht nicht immer aus wie ein Medaille, sondern kann viele Formen annehmen. Wann haben Gestalter verlernt, Kritik zu akzeptieren, auszuwerten und daran ihre Arbeit zu verbessern?
Gestalter habe ich als eine Insel im Kampf um Urheberrechtsgesetzgebung gesehen. Gestalter habe ich als Menschen gesehen, die das Aufgreifen eines bereits existierenden Konzepts als Weiterentwicklung einer Idee verstanden haben. Professionelle Gestalter, so dachte ich, haben verstanden, das Kreativität ein Prozess ist, in dem immer wieder bereits existierende Kreativität auftaucht. Irgendjemand bei bei KemperTrautmann hat mich schwer enttäuscht
und den Bekanntheitsgrad eines Kaiserslautener Filmmachers in die Höhe getrieben. Herzlichen Glückwunsch.
Kennen wir alle folgendes Minispiel, mit dem Eltern gerne ihre Kleinkindern zum Lachen bringen? Die Mutter verwirrt das Kind, indem sie ihm/ihr die Augen zuhält und ihn/sie fragt, wo “die Mutter” sei. Nach zwei bis dreimal Nachfragen nimmt die Mutter die Hände weg und quickt in einer höchstmöglichen Stimme: “Da is die Mutter.” Resultat: 100% Kinderlachen.
Wir wissen alle, dass das funktioniert, weil das Kleinkind versucht sich auf seine/ihre optische Wahrnehmung zu verlassen und mit dieser die Mutter sucht. Da ihm/ihr aber die Augen zugehalten werden, scheint es, als sei die Mutter verschwunden – zusammen mit dem Rest der Welt. Was für eine Freunde, wenn die Augen aufgemacht werden und die Mutter doch noch da ist! (Und die restliche Welt.) Kann mir ein Psychologe oder Neurologe oder werauchimmer detaillierte Auskunft darüber geben, welche Prozesse ihm Kopf des Kleinkindes von Statten gehen? Ich würde mich sehr darüber freuen.
Solange wir es nicht wissen, können wir uns trotzdem darauf einigen, dass der erzielte Effekt mit zunehmenden Alter abnimmt. Wir sind uns doch alle bewusst, dass die Welt noch da ist, auch wenn wir die Augen geschlossen haben und die Welt nicht sehen.
Angela war da. Es hatte etwas archaisches wie die Führer des Landes oben auf der Bühne standen und unten das Volk abwechselnd und wahlweise Ge- und Missfallen darüber äußerten, was die politische Spitze zum besten gab. Nach meinem Eindruck hielten sich die beiden oppositionellen Parteien im Publikum die Waage. Als archaisch empfand ich das Level, auf dem die beiden Kommunikationspartner aneinander vorbei geredet haben. Frau Merkel oben hat beinahe konsequent ignoriert, dass ganz offensichtlich jede Menge Menschen vor ihr standen, die nicht mit der Politik ihrer Regierung übereinstimmen. Und das Publikum stand wie die Schafe vor der Merkel und hat laut geblökt, wenn ein Satz besonders gut ge- oder missfallen hat. Ich habe mich daran gewöhnt unter die Meinung, die jemand äußert, nach einem Mausklick meine eigene in gut gewählten Wörtern entgegen zu setzen. Frau Merkel hat sich auch so über den Dialog mit ihrem Publikum gefreut.
Ich dachte, es wäre inzwischen klar, das politischer Diskurs im Internet total super funktioniert. (An dieser Stelle sei nochmal auf die Debatierplattform Wahlkampfarena aufmerksam gemacht.) Wir sind es wahrscheinlich zu sehr gewohnt, Politik als Reden, Demonstrationen und Fernsehübertragungen zu erleben. Das der einzelne Bürger in die Diskussion eingreifen kann ist für Politiker wahrscheinlich ebenso ungewöhnlich, wie für den einzelnen Bürger selbst. Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, eine Plattform zu haben in der jede Stimme in der Lautstärke gleich groß ist, wirken elektronisch verstärkte Parolen der Bundeskanzlerin, nun, archaisch eben.